
Sie befinden sich hier: Das geistliche Wort > Das geistliche Wort
Predigttext: 1. Petr. 5,5b
„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade!“
Von Pfarrer Rainer Hinzen
In den traditionellen Predigttexten des heutigen Sonntags geht es um Aspekte des Hirtenamtes. Eines dieser Merkmale hat mich für den heutigen Sonntag ganz besonders angesprochen. Es stammt aus dem 1. Petrusbrief. Da wird den Verantwortlichen einiges aufgetragen, wie sie ihr Hirtenamt, also ihr Leitungsamt im Sinne Gottes wahrnehmen können und so heißt es:
„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (1. Petr 5,5)
Vom Leben in der Hochmutsfalle
Ich glaube, dass dieser Satz in der Diakonie von besonderer Bedeutung ist, auch wenn sich manche beruhigt zurücklehnen und sagen: „Also, in der Diakonie oder im Sozialbereich, da gibt es doch keinen Hochmut. Hochmut und Arroganz – das kommt vielleicht bei den Reichen vor, bei den Vorständen in Banken und Aktiengesellschaften, vielleicht noch bei anderen erfolgreichen Menschen, aber im Sozialbereich? Ausgeschlossen!“
Wirklich? Ist das wirklich so ausgeschlossen? Vielleicht zeigt sich der Hochmut einfach nur nicht so direkt und unverschämt, dass man ihn auf Anhieb erkennen könnte.
Ich möchte Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen.
Von einem guten Menschen, einem Geistlichen wird sie erzählt. Der war todkrank und seine Frau hatte Mitleid mit ihm, weil er so depressiv wurde. Deswegen lud sie viele Menschen ein, aus seiner gegenwärtigen Gemeinde, aus den vorigen Gemeinden, weil sie dachte, es könnte ihn erfreuen, wenn er all die Menschen sehen würde, denen er geholfen und gutgetan hatte. Und alle kamen sie. Einen ganzen Nachmittag kam einer nach dem anderen und bedankte sich: für die Predigten, die Glauben geweckt hatten, wie er den Menschen selbstlos geholfen hatte, ihnen seelsorgerlich beigestanden und in schwierigen Lebenssituationen gut geraten hatte. Abends, als es wieder ruhiger geworden war, kam seine Frau und erschrak. Denn anstatt zufrieden zu sein und aufgemuntert, drehte er sich einfach zur Wand und schien genauso schlimm dran zu sein, wie zuvor.
„Ja, was ist denn mit Dir“ fragte seine Frau, „haben Dich denn die Menschen nicht überaus gelobt?“ „Ja“ antwortete er da bedrückt, „das schon, aber sie haben meine Bescheidenheit vergessen…“
Wissenschaftlicher und theoretisch, aber in der Sache ähnlich, hat dies 1977 Wolfgang Schmidbauer in seinem Klassiker „Das Helfersyndrom“ beschrieben. Seitdem wissen wir, dass es für diejenigen von uns, die in helfenden Berufen arbeiten, wichtig ist, dass wir uns sehr gründlich und gut mit unseren Motiven und Einstellungen befassen, damit wir eben nicht in die Falle des Helfersyndroms fallen. Diese Falle kann darin bestehen, dass wir Macht und Größe beziehen aus unserer vermeintlich überlegenen Rolle; und, dass uns, bei bestem Willen und guten Absichten, eben doch immer wieder passiert, dass wir die feine Grenze überschreiten, die zwischen Fürsorge und Bevormundung liegt.
Vom Kampf gegen den Hochmut und Gottes Parteinahme für die Schwachen
Gegen diese Art von Grenzüberschreitung, gegen diesen unheimlichen Hochmut der professionellen Helfer wehren sich die Betroffenen immer lauter und immer vernehmlicher. In Selbsthilfegruppen, in Werkstatt- und Heimbeiräten, bei Kongressen und Tagungen.
Sie fordern: Nicht vom Helfer her zu denken, nicht von der Organisation, sondern von ihnen selbst, von jedem einzelnen Menschen, von der Person her. Seit einigen Jahren haben ihre Forderungen Widerhall in Gesetzen und Verordnungen gefunden, zuletzt in der UN-Konvention. Ich bin überzeugt davon,
In diesem Sinn ist für mich dieser Satz aus dem Petrusbrief Bestätigung und Aufruf für eine christlich-diakonische Gestalt von sozialer Arbeit und dem Dienst der Nächstenliebe.
„Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade!“
Wenn wir das auf unsere tägliche Arbeit beziehen, dann bekommt diese eine besondere Farbe. Denn das heißt, dass es Gott interessiert, wie wir miteinander umgehen. Gott ist parteiisch und es gilt erst recht um Gottes willen, dass wir ein Hochmutsgefälle nicht zulassen dürfen. Gerade in christlich-diakonischen Einrichtungen nicht. Um Gottes willen müssten in diesen Einrichtungen die Organisation und die Struktur die respektvolle, aufmerksame Anerkennung des jeweils anderen ermöglichen und abbilden.
So könnte ich mir vorstellen, dass Gott uns Hochmutgefährdeten so einiges ins Stammbuch schreiben würde, z.B.
Von der diakonischen Kompetenz für eine bessere Welt
Nehmen wir den Widerstand Gottes gegen unseren Hochmut wahr?
Wenn wir dies wahrnehmen und die richtigen Konsequenzen daraus ziehen, dann zeigen wir „diakonische Kompetenz“.
Diakonische Kompetenz in der Verknüpfung unserer Glaubensüberzeugungen mit unserem Fachwissen und unserer persönlichen Haltung.
Diakonische Kompetenz, die nicht darin besteht, möglichst viele theologische Kenntnisse zu haben, sondern Lebenserfahrung, Fachwissen und Glauben zum Nutzen der Menschen zusammenzuführen und umzusetzen.
Ich glaube, dass wir in der Diakonie respektvoll auf die Leistung unserer Vorfahren schauen können.
Vor etwa 160 Jahren war es eine herausragende Leistung einzelner engagierter Christen und Christengemeinschaften, dass sie Not und Elend um sich herum bemerkten und diakonische Einrichtungen gegründet haben. Da wurde christlicher Glaube sichtbar gelebt und Nächstenliebe spürbar, in einer Umwelt, die Barmherzigkeit für Schwäche und Armut und Behinderungen für unabwendbares Schicksal hielt. Das war der diakonische Beitrag der Kirche zu einer besseren Welt im Geiste christlichen Glaubens, Hoffnung und Liebe.
Heute, unter sozialstaatlichen Bedingungen, besteht dieser diakonische Beitrag der Kirche darin, dauerhaft und verlässlich Formen und Gestalten des Miteinanders von verschiedenen Menschen zu ermöglichen, umzusetzen, zu entwickeln und auszuprobieren, die eine Gemeinschaft der Unterschiedlichen, eine Gesellschaft ohne Barrieren und ein Miteinander auf Augenhöhe ermöglicht. Das fängt in Kindertagesstätten und Kindergärten an und baut sich bis hin zu den pflegebedürftigen Sterbenden auf.
Wir haben in den diakonischen Einrichtungen dazu nicht nur die notwendige Infrastruktur und das Fachwissen, sondern eben auch unsere „diakonische Kompetenz“.
Von der Demut als Mut zum Dienst
Zum Glück ist uns ja nicht nur gesagt, was Gott nicht will, sondern auch, dass Gott eine bestimmte Haltung, ein bestimmtes Verhalten „belohnt“ und verstärkt: „Gott gibt den Demütigen Gnade“
Das deutsche Wort „demütig“ leitet sich ab von „dienen“ und von „Mut“. Genau um diesen Dienst der Diakonie geht es. Es ist ein Dienst, der Mut erfordert, denn immer noch und viel zu oft werden in unserer Gesellschaft mit vielerlei Argumenten Barrieren zwischen den Menschen aufgebaut.
Diakonie kann ihren Dienst mutig tun, weil sie weiß, dass dies im Einklang mit Gottes Willen ist. Ein Zusammenleben, das dem Willen Gottes entspricht, weil es nicht aus dem Hochmut der sog. Gesunden gegen die sog. Kranken, der sog. Normalen gegen die sog. Behinderten, der sog. Starken gegen die sog. Schwachen erwächst.
Demut in unserem Alltag bedeutet Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, Respekt und Anerkennung auch des vermeintlich Schwachen und des Hilfebedürftigen. Im Namen Gottes, der den Hochmütigen widersteht und den Demütigen Gnade schenkt, rufe ich also heute dazu auf, mutig, mit aller Kraft und all unseren Kompetenzen für eine bessere Welt miteinander zu arbeiten. Eine Welt ohne Barrieren, eine Welt ohne Aussonderung und Abwertung, eine Welt der bunten Gnade Gottes, voller unterschiedlicher Menschen, die einander freundlich zugewandt sind.
Amen