
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Gemeinde,
die Jahreslosung für das Jahr 2012 lautet:
Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Es ist nun schon viele Jahre her, da besuchte ich eine pflegebedürftige sehr alt gewordene Frau, die schon seit einiger Zeit nur in ihrem Bett lebte und auf umfassende Pflege angewiesen war. Vor diesem Besuch hatte ich – ehrlich gesagt – etwas Angst, ich dachte, dass jedes Gespräch und jeder Versuch des Trostes irgendwie hohl und theoretisch sein würde. Dann stand ich vor ihrem Bett und es kam ganz anders. Nach der Begrüßung ging es nämlich ganz schnell überhaupt nicht um ihre beklagenswerte Situation, sondern sie fragte mich nach meiner Arbeit. Wo gerade meine größten Herausforderungen und Schwierigkeiten liegen würden, was ich vorhabe und wie sie die Situation einschätze. Und es war für mich – und ich glaube auch für sie – angeregtes, interessantes Gespräch. Am Ende des Gespräches dann erklärte sie mir mit großer Selbstverständlichkeit, dass sie meine Arbeit unterstützend begleiten würde, so wie sie es eben könne, nämlich durch ihr Gebet.
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das war für mich ein Schlüsselerlebnis.
Ich habe gelernt, dass es gar nicht immer von vornherein ausgemacht ist, wer stark ist und wer schwach. Ich hielt mich zwar vorher selber für den Starken, aber die Frau konnte mir von einer Stärke weitergeben, die weit darüber hinaus ging. Ich kam zu der Frau als Starker, der helfen wollte und ging als Beschenkter. Ich habe gelernt, dass wir als Christen über unser Wissen und Können hinaus uns noch auf etwas stützen können, das nicht in unserer Macht steht, sondern Geschenk ist. Außerdem habe ich unmittelbar erfahren, was diese Jahreslosung sagt: Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig und dass es so Augenblicke des Segens gibt, in denen dies auch erfahrbar wird.
Es ist in meinen Augen ein Ausweis diakonischer Kompetenz, wenn wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit der Begegnung von Menschen wahrnehmen. Gerade dann, wenn augenscheinlich ein so großer Unterschied da ist und es scheinbar ganz klar ist, wer der Starke und wer der Schwache ist. Denn überraschend und unerwartet könnte es sein, dass uns gerade im Schwachen Gott begegnet, seine Kraft erfahrbar wird.
Ein zweiter Gedanke:
Wenn wir auf uns selber schauen, dann ist es eine realistische Erkenntnis, dass wir nicht immer und nicht ganz und gar stark oder schwach sind, sondern Leben immer bedeutet, stark und schwach zugleich zu sein. Der Apostel Paulus, von dem der Satz der Jahreslosung überliefert wurde, hat dies selbst erlebt:
Er hat sich, so beschreibt er es, sein Leben lang mit etwas herumschlagen müssen, was er als „Stachel im Fleisch“ beschreibt, vielleichte eine Krankheit, eine Schwäche oder eine Behinderung. Aber er wollte, auch das beschreibt er, dieses Problem los haben. Er wollte ganz stark sein und die Schwäche weg haben. Dafür hat er gefastet und gebetet, dafür hat er Gott angefleht und bestürmt in seinen Gebeten.
Und dann berichtet er in seinem Brief an die Korinther: „Und der Herr hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Kor. 12,9)
Paulus war sicher nicht ausschließlich schwach, aber er war es eben auch. Und die Antwort, die er im Gebet bekommt und die unsere Jahreslosung geworden ist, zwingt ihn dazu, diese Schwäche anzunehmen und auszuhalten, weil Gott den Schwachen nicht ablehnt oder verlassen hat, sondern gerade dem Schwachen besonders nahe ist: „Konzentriere dich nicht auf deine Schwäche und auf deine Defizite. Beklage nicht das, was nicht geht und was du nicht willst, verachte dich ja nicht dafür, blende es aber auch nicht aus, verdränge diesen Teil von dir nicht, sondern nimm auch diesen Teil deiner selbst an! “
Die Diakonie existiert in der Überzeugung, dass dies ebenso für Einzelne, wie für die Gemeinschaft insgesamt gilt. Die Gesellschaft besteht aus unterschiedlichen Menschen, aus Starken und Schwachen, d.h.
Darum ist jede Gesellschaft gut beraten, wenn sie sich so organisiert, dass nicht die Schwachen vernachlässigt, verdrängt, missachtet, abgesondert und vergessen werden. Gesellschaften, die das tun, waren und sind ungerecht und unsozial und sie tragen den Keim von Rebellion in sich.
Wenn wir uns dieses Wort Jesu in der Diakonie Stetten sagen lassen, ja und nicht nur sagen lassen, sondern auch daran glauben, darauf vertrauen, dann bedeutet das für unsere Motivation und für den Sinn unserer Arbeit ein großes Plus, weil wir nicht nur auf uns und unsere Kraft angewiesen sind. Es ist versprochen, dass Gott uns nahe ist, seine Kraft in uns mächtig ist, als Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Die Kraft Gottes, die in uns mächtig ist, wenn wir schwach sind und wo wir schwach sind.
Mir schenkt dieser Gedanke Gelassenheit, denn er bewahrt die Starken davor, sich ständig selbst zu überfordern – bis hin zum Burnout und wendet den Blick der Schwachen weg von ihrer Schwäche hin zur Quelle der Kraft. Die Rollen sind eben gar nicht so eindeutig verteilt und wie und wann immer auch Stärke oder Schwäche auftritt, wir haben die Zusage, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist, so kann einer des anderen Last tragen.
Ich glaube, dass sich in unserer Arbeit in der Diakonie Stetten ganz unmittelbar Gottes- und Menschenliebe verknüpfen. Ich nehme wahr, wie viel Freude, Sinn und Lebensmut aus den Begegnungen und Beziehungen zwischen den Menschen in der Diakonie Stetten erwächst. Diese Erfahrungen und dieser Glaube begleiten unser sozialpolitisches Engagement ebenso wie unsere fachlich-konzeptionelle Arbeit, sozusagen als „Golfstrom“ der Diakonie. Das ist nicht immer unmittelbar sichtbar, wirkt sich aber prägend in Haltung und Ausstrahlung unserer Arbeit aus. Diese Grundüberzeugung, diese Haltung, diese Ausstrahlung der Diakonie Stetten wollen und müssen wir erhalten, denn sie sind Herz und Seele der Diakonie. Daran wollen wir in 2012 mit aller Kraft arbeiten und auch in der weiteren Zukunft.
Was Paulus als Antwort auf sein Bitten und Flehen gehört hat, das ist so formuliert, dass es mit ihm auch uns gesagt ist. Darauf können wir uns verlassen.
„Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Amen